Philosophische Begriffe kurz erklärt

von ipup press

No.7: Fun ist ein Stahlbad
(Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, Suhrkamp 2003, S. 162)

Dialektik der Aufklärung zitieren – eigentlich immer eine gute Idee. Aber dann auch bitte richtig. Die Herren Horkheimer und Adorno waren unter anderem Philosophen und sollte dementsprechend genau gelesen werden. Zugegeben – nicht immer ein einfaches Unterfangen, aber das soll so sein, das war schon Absicht (ob das nun eine gelungene Idee ist, mit Absicht schwierig zu schreiben, ist eine andere Frage und kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden).
Also fangen wir an. Der Satz Fun ist ein Stahlbad ist wunderschön, geht einem Jingle ähnlich in den Kopf und liegt dort bereit zur Verwendung. Das Problem ist, dass er in den meisten Fällen in einen nicht stimmigen Zusammenhang gesetzt wird. Er wird bezogen auf die Ähnlichkeit von Freizeit und Arbeit, die, das soll hier nicht bestritten werden, eine wichtige Rolle in Adornos und Horkheimers Schrift zur Kulturindustrie spielt. Hier geht es darum, dass die Verhältnisse in der Freizeit denen in der Arbeitswelt frappierend ähneln, allem voran im Leistungsdenken (aber nicht nur dort). Auch in der Freizeit muss Leistung gebracht werden oder Konkurrenz zu Anderen herrschen, außerdem wird eher zu Passivität statt Aktivität geraten. Es ist an dieser Stelle ganz egal, ob diese These als richtig berwertet wird oder nicht, denn in der Dialektik der Aufklärung ist davon nicht im Zusammenhang mit Fun ist ein Stahlbad die Rede.
Aber gehen wird langsam vor. Zuerst ist es bei solch eindrucksvollen, pointiert formulierten Sätzen wie Fun ist ein Stahlbad immer eine gute Idee die kontextuellen Bezüge des Textes nicht außer Acht zu lassen, hierbei muss noch nicht einmal die gesamte Dialektik der Aufklärung gelesen werden, nein, es reicht völlig aus einfach mal zu schauen, was da noch so an Sätzen davor und dahinter geschrieben wird. Dabei fällt beim berühmten Fun ist ein Stahlbad auf, dass es ums Lachen geht. Gut, das weiß vielleicht kaum jemand, da der Satz penetrant ohne Quellenangabe zitiert wird, so dass es bloß keiner nachschlagen kann, der kein großer Dialektik der Aufklärung Kenner ist. Das Thema ist also das Lachen. Und welchen Funktionswandel dieses in den kulturindustriellen Produkten erfährt.
Das Lachen ist grundlegend nicht als etwas Eindeutiges bestimmt, sondern hat eine Doppelfunktion (163, 96). Sie sprechen vom versöhnenden Lachen und vom schrecklichen oder vom schlechten Lachen. „Das versöhnende Lachen ertönt als Echo des Entronnenseins aus der Macht, das schlechte bewältigt die Furcht, indem es zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind.“(162)
Das versöhnende Lachen wird an dieser Stelle nicht sonderlich weitgehend erläutert, was eigentlich nicht schlimm ist, geht es doch im Folgenden um das schreckliche/schlechte Lachen. Aber fürs Protokoll und zum besseren Verständnis sei hier kurz erwähnt, dass das versöhnende Lachen immer einen Moment von Befreiung und von Selbstreflektion hat. Für diejenigen, die nun Neugierig auf mehr geworden sind: In der Dialektik der Aufklärung finden sich Sätze zu diesem Thema an vielen Orten, m. E. besonders schön beschrieben im Odysseus Exkurs (96).
Kommen wir also zum schrecklichen Lachen. „Der Triumph übers Schöne wird vom Humor vollstreckt, der Schadenfreude über jede gelungene Versagung. Gelacht wird darüber, das es nichts zu lachen gibt.“(162) Der Triumph über das Schöne wird hier beiseite gelassen, das führt uns in viel zu tiefe Verstrickungen in Kant und vll. sogar Hegel. Wichtiger zum Verständnis des Satzes Fun ist ein Stahlbad ist der Humor, der als Schadenfreude über die gelungene Versagung bestimmt wird. Kurz darauf heißt es dann, dasselbe Thema umspielend „[d]as Lachen über etwas ist allemal das Verlachen“(163). Es geht also um den Humor, der noch immer alltäglich in Funk und Fernsehen zu erleben ist und der zu großen Teilen daraus besteht sich über das Unglück und die Missgeschicke und die verkorksten Leben von anderen Lustig zu machen. Deshalb schreiben Adorno und Horkheimer, dass darüber gelacht wird, dass es nichts zu lachen gibt. Es wird über denjenigen gelacht, dem die ständige Versagung, die innerhalb dieses Gesellschaftssystems notwendig erscheint, nicht gelingen will. Es wird über eine beschissen eingerichtete Welt gelacht und über denjenigen, der sich nicht in dieser zurechtfinden will. Deshalb läuft dieses lachen zu den Instanzen über, die es fürchten sollte. Nämlich zu einem Denken, dass nicht die furchtbaren Lebensumstände und die Versagung, die Menschen erfahren, beklagt, sondern sich einverstanden erklärt mit den Verhältnissen, sich auf ihre Seite stellt. Der Satz Fun ist ein Stahlbad ist thematisch also an das schlechte, weil die Verhältnisse bejahende Lachen, gebunden. Ein Stahlbad ist etwas, um den Stahl zu härten. Auf das schlechte Lachen bezogen bedeutet dies, dass es eben dazu dient sich gefühlsarm gegenüber Anderen und zugleich (und das erscheint viel wichtiger aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Funktion!) einverstanden mit den Verhältnissen und damit auch immer seinem eigenen Unglück zu erklären. Das ist, kurz gesagt, das Thema zum Satz Fun ist ein Stahlbad. Also bitte ruhig weiterzitieren, aber jetzt im Kontext von Mitgliedern der humoristischen Unterhaltungsindustrie wie Stefan Raab oder Mario Barth und bitte nicht mehr mit der Arbeit-Freizeit-Gleichheit These daherkommen.

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