Spektakeltheorie 3.3 – 3.3.2: Verdinglichung, Fetischcharakter, Entfremdung

von ipup press

3.3 Verdinglichung, Fetischcharakter, Entfremdung
Es seien an dieser Stelle noch einmal kurz die wichtigsten Punkte der vorhergehenden Absätze genannt: Die Ware wird von Lukacs als gesellschaftliche Universalkategorie betrachtet. Historisch konnte dies mithilfe eines Hinweises auf die zunehmende gesellschaftliche Entwicklung der Warenwirtschaft und die daraus resultierende Abhängigkeit anderer gesellschaftlicher Teilbereiche begründet werden. Es gilt für Lukács ebenso für Debord: Die Ware „unterjocht sich die lebendigen Menschen, insofern die Wirtschaft sie gänzlich unterjocht hat.“ (16, 1). Als Mechanismus dieser Unterjochung wurden Prozesse der Verdinglichung genannt. Worum genau aber handelt es sich bei diesen?

Bei einer näheren Betrachtung des Lukácschen Begriffs der Verdinglichung zeigt sich, warum Debord zwar auf einige der dahinter stehenden Gedanken zurückgegriffen, den Begriff selbst jedoch gemieden hat: Er ist unhandlich und missdeutend. Während ersteres noch der Sache entspringen könnte, liegt letzterem gerade eine aus Lukács‘ Denken folgende Ungenauigkeit und einer daraus folgenden Verwechslung der Sache zu Grunde. Diese verunmöglicht es, einen kohärenten Begriff der Verdinglichung aus seinen Ausführungen zu gewinnen.1 Lukács vermischt Vergegenständlichung, das notwendige Gegenstand- und damit Welt-werden menschlicher Äußerung, und Entfremdung, das potentiell vermeidbare, dem Menschen in widersprüchlicher Form Entgegentreten eben dieser Äußerungen2. Da sich Debord in seiner Lukács-Rezeption „schmerzlich bemühte“3 diesen Fehler nicht zu begehen, soll im Folgenden nicht der Verdinglichungsbegriff aus Geschichte und Klassenbewusstsein in seiner widersprüchlichen Fülle rekonstruiert und zergliedert werden. Dazu kommt erschwerend, dass das Verhältnis von Fetischcharakter, Verdinglichug und Entfremdung in der Rezeption der Marxschen Theorie im allgemeinen sehr umstritten ist.4 Im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus findet sich folgende Bestimmung: „Zwei Ebenen kann man mit Werner Hoffmann in der E[ntfremdungs]-Theorie in Marx‘ Hauptwerken unterscheiden: Die >>allgemeine E[ntfremdung]<<, wie sie als Warenfetischismus und Verdinglichung in ihren unterschiedlichen Formen die sozialen Beziehungen in der Gesamtgesellschaft prägt, sowie die >>besondere E[ntfremdung]<< , die als entfremdete Arbeit das Verhältnis der Produzenten zu ihrer Tätigkeit kennzeichnet.“5

Daran angelehnt soll für diese Arbeit Folgendes angenommen werden: Der Begriff der Verdinglichung bezeichnet auf der Ebene der Wahrnehmung einen notwendig entstehenden, aber dennoch falschen Schein. Damit wird sich an Lukács Verständnis des Begriffs als Beitrag zum Verständnis der „Ideologienprobleme des Kapitalismus“6, orientiert. Die Grundlage der Verdinglichung wird vom Begriff der Entfremdung auf der ökonomischen Ebene beschrieben und ist in der entfremdeten Arbeit zu suchen. Am Fetischcharakter der Ware lässt sich das Verhältnis von entfremdender Arbeit und verdinglichender Wahrnehmung beispielhaft ausführen.

3.3.1 Der Fetischcharakter der Ware als Grundphänomen von Verdinglichung
Lukács bezieht sich für die Entwicklung seines Begriffs vor allem auf den vierten Abschnitt des ersten Kapitels des Kapitals von Marx‘ Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis. Dieses Kapitel ist es, das für Lukács „den ganzen historischen Materialismus“7 in sich birgt.

Marx beschreibt hier wie es dazu kommt, dass der Wert einer Ware dem einzelnen Produzenten als von ihm unabhängig bestimmter Wert und damit als der Ware zugehörige Eigenschaft erscheinen kann.8 In der Analyse der verschiedenen Wertformen der Ware durch Marx hatte sich der Wert als die in der Ware enthaltene Arbeit, bzw. quantitativ gesehen als die zur Herstellung des Gegenstandes gesellschaftlich notwendige durchschnittliche Arbeitszeit, erwiesen. Obwohl der Mensch die Waren und ihre Werte also durch seine eigene Tätigkeit herstellt, treten sie ihm beim Kauf als ihm fremde Eigenschaften der Dinge entgegen.

Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier [im Wertverhältnis der Waren] für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“9 Das gesellschaftliche Verhältnis von dem Marx hier spricht ist nichts anderes als das Produktionsverhältnis, das über die zur Herstellung einer Ware notwendige Durchschnittsarbeitszeit auch ihren Wert bestimmt. Dies ist es, was Marx auch als Fetischcharakter der Ware bezeichnet und womit für Lukács eine erste Bestimmung („das Grundphänomen der Verdinglichung“10) von Verdinglichung gefunden ist: Gesellschaftliche Verhältnisse, werden als ver-dinglicht, als Dinge bzw. Eigenschaften der Dinge wahrgenommen: So beispielsweise wenn der Wert einer Ware als eine der Ware selbst inhärente Eigenschaft gedacht wird11. In einem weiteren Schritt erscheinen diese Dinge nun als „mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstständige Gestalten“12, so beispielsweise wenn Preisschwankungen von Waren als quasi naturgesetzlich bestimmte Ereignisse und nicht als in letzter Instanz von menschlichem Handeln abhängige wahrgenommen werden.

3.3.2 Die entfremdete Arbeit
Am Fetischcharakters der Ware interessiert Lukács vor eins: Er zeigt auf wie die Warenform als dominierende Form der Produktion dazu führt, dass „dem Menschen seine eigene Tätigkeit, seine eigene Arbeit als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt wird.“13 Es findet etwas statt, dass Marx in seinen Frühschriften auch als Entfremdung bezeichnet14. Diese findet objektiv statt, indem dem Menschen in Form der Waren und ihrer Marktbewegungen eine Welt aus fertigen Dingen und Dingbeziehungen entgegentritt. Diese Welt ist Produkt menschlicher Tätigkeit, erscheint aber als von ihren eigenen Gesetzen beherrscht und damit dem Menschen fremd. Subjektiv wird der Mensch von seiner eigenen Tätigkeit entfremdet, indem sie in Form von Lohnarbeit selbst zu einer Ware und damit ebenso dem Markt unterworfen wird.15

Zusammengenommen stellt es sich so dar: Obwohl der Mensch Dinge mit seiner Arbeit und damit letztlich mit seinem Leben herstellt, muss er das, was er zum Leben benötigt als Ware kaufen. Auf den Preis dieser Waren hat er jedoch keinen Einfluss. Um sie kaufen zu können, ist er gezwungen, seine Arbeitskraft in Form von ihm zur Verfügung gestellter Arbeitszeit als Ware zu verkaufen, auf deren Preis er keinen nennenswerten Einfluss hat. Obwohl es seine Arbeitskraft ist, die die benötigten Dinge hervorbringt, hat sich mit dem Kapitalismus ein ökonomisches System hergestellt, in dem sowohl die eigene Tätigkeit als auch die hergestellten und benötigten Dinge Gesetzmäßigkeiten (wie etwa denen des Preises) folgen, auf die er scheinbar keinen Einfluss hat. Seine Tätigkeit und seine Welt sind dem Menschen fremd geworden.

In beiden Fällen geht mit dieser Entfremdung eine Abstraktion von der zugrunde liegenden Tätigkeit, die (erst in einem historischen Prozess16) zur Lohnarbeit geworden ist, einher: Objektiv, in dem die Ware sich gerade dadurch auszeichnet, von den konkreten Eigenschaften der Dinge und damit von der konkreten Tätigkeit, die sie schaffen, zu abstrahieren17. Sie macht sie einander gleich, um sie damit austauschbar zu machen.18 Ohne Abstraktionsprozess, in dem die eine Ware soviel gilt wie die andere, ist ein ökonomisches System des Warentausches nicht denkbar.

Subjektiv, indem diese formale Gleichheit der abstrakten Arbeit“19, die historisch gesehen zunächst eine kalkulatorische Abstraktion zum Zwecke der vereinfachten Lohnzahlung war, zusehens „zum realen Prinzip des Produktionsprozesses der Waren wird“20: Fließband- und Akkordarbeit stellen sicher, dass alle gleich viel leisten. Die zur Produktion durchschnittlich notwendige Arbeitszeit wird empirisch erfaßt, rationalisiert und tritt schließlich dem einzelnen Arbeiter als Arbeitspensum „in fertiger und abgeschlossener Objektivität“21 gegenüber. Damit ist die formale Gleichheit der Arbeit im Vergleich der Arbeiter zueinander gegeben. Zudem findet eine zunehmende Reduktion der Arbeit „auf eine sich mechanisch wiederholende Spezialfunktion“22 statt, was zu einer formalen Gleichheit der Arbeit in sich selbst führt. Damit nennt Lukács wesentliche Momente der fordistischen Produktionsweise.23

Es ist an dieser Stelle zudem wichtig festzuhalten, dass in all diesen von Lukács beschriebenen Entfremdungsphänomenen die zur Lohnarbeit gewordene Tätigkeit des Menschen eine zentrale Rolle spielt. Es kann an dieser Stelle daher festgehalten werden, dass es die Arbeit ist, die eine vermittelnde Position zwischen Ware, Individuum und gesellschaftlicher Struktur inne hat und vermittels derer daher für Lukács die Warenstruktur zur „struktiven Grundtatsache“24 individuellen Verhaltens und gesellschaftlicher Organisation wird. Unter dem Gesichtspunkt der Frage nach den Formen des Lebens gilt: Die Subjekte müssen sich den durch sie vorgegebenen Bewusstseinsformen anpassen, wie die Kieselsteine an das Meer.25

1So schreibt Lukács im HCC 1967 hinzugefügten Vorwort: „Ich glaube, wenn man die krassen Widersprüche dieser Periode >>geisteswissenschaftlich<< jeweils auf einen Nenner bringt und eine organische immanent-geistige Entwicklung hineinkonstruiert, entfernt man sich von der tatsächlichen Wahrheit. Wenn es schon Faust gestattet wird, zwei Seelen in seiner Brust zu bergen, warum kann bei einem sonst normalen Menschen, der aber inmitten einer Weltkrise von einer Klasse in die andere hinüberwechselt, nicht das gleichzeitige widerspruchsvolle Funktionieren entgegengesetzter geistiger Tendenzen feststellbar sein?“ (HCC, S. VII).

2Hierzu Lukács: „»Geschichte und Klassenbewußtsein« folgt nun Hegel insofern, als auch in ihm Entfremdung mit Vergegenständlichung (um die Terminologie der »Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte« von Marx zu gebrauchen) gleichgesetzt wird. Dieser fundamentale und grobe Irrtum hat sicherlich vieles zum Erfolg von »Geschichte und Klassenbewußtsein« beigetragen.“ (HCC, S. XXV).

3Jappe (1999), S. 20.

4HKWM, Entfremdung, S. 462ff.

5HKWM, Entfremdung, S. 463.

6HCC, S.95.

7HCC, 186f.

8Vgl. MEW 23, S. 85-88.

9MEW 23, S. 86.

10HCC, S. 94.

11Etwa in der Aussage, dass Gold von Natur aus wertvoller als Eisen sei.

12MEW 23, S 86.

13HCC, S.97f.

14Vgl. HKMW, Entfremdung, S. 461f.

15Vgl. HCC 97f.

16„Hier kommt es nur darauf an, festzustellen, daß (…) die Arbeit der kapitalistischen Arbeitsteilung zugleich als Produkt und als Voraussetzung der kapitalistischen Produktion erst im Laufe ihrer Entwicklung entsteht.“ (HCC, S. 98).

17Zur notwendigen Abstraktion der konkreten Eigenschaften bei der Verwandlung des Gutes in eine Ware vergleiche auch Kapitel 4.1.2 in dieser Arbeit.

18Aus genau diesem Grund bleibt schließlich für Marx in der Abstraktion, die für den Austausch der Waren notwendig vorgenommen werden muss, nichts anderes übrig, dass den Wert der Ware ausmachen kann, als die in ihr enthaltene abstrakte Arbeit, die als Arbeitszeit gemessen wird.

19HCC, S. 98.

20HCC, S. 98.

21HCC, S. 99.

22HCC, S. 99.

23HKWM, Fordismus, S. 581f.

24HCC, S. 175.Vorschau

25„Muss man nicht annehmen, daß die >>gallada<< im Lauf der Zeit ausgewaschen, abgerundet, abgeschliffen wurde? Ähnelt sie nicht aus der Sichtweise der Geschichte jenem Kieselstein, von dem man sagen könnte, ohne ihm all zu viel Subjektivität, Entscheidungsfreiheit zusprechen zu wollen, daß er sich dem Meer angepaßt hat.“ (Meunier (1979), S. 63.