Spektakeltheorie 3.3.3 – 3.4: Ausweitung der Entfremdung, Kontemplativer Charakter, Spektakuläre Waren

von ipup press

3.3.3 Die Ausweitung der Entfremdung
Weder bei Lukács noch bei Debord beschränken sich die diagnostizierten Entfremdungsphänomene doch auf den Bereich der Arbeit. Es stellt sich daher die Frage, wie anderen Bereiche in Beschlag genommen werden. Axel Honneth vermag in seiner Untersuchung über Lukács Verdinglichungsbegriff zwei Mechanismen auszumachen:

Es ist im Text nicht ganz klar, wie diese soziale Generalisierung theoretisch vonstatten geht, weil Lukács zwischen alternativen Erklärungsstrategien zu schwanken scheint: Da findet sich einerseits das funktionalistische Argument, daß es zum Zweck der Expansion des Kapitalismus erforderlich sei, alle Lebenssphären dem Handlungsmuster des Warentausches anzugleichen; und gleichzeitig ist im Anschluß an Max Weber davon die Rede, daß der Prozeß der Rationalisierung eigensinnig zu einer Ausdehnung von zweckrationalen Einstellungen auf soziale Bereiche führe, die bislang tradionellen Verhaltensorientierungen unterworfen waren.“1

Entgegen Honneths Verständnis handelt es sich hierbei jedoch nicht um alternative Erklärungsstrategien, sondern dem gesamten restlichen Vorgehen Lukács entsprechend, um die Darstellung der subjektiven und der objektiven Seite desselben Vorgangs. Die Angleichung an die für eine primär warenproduzierende Gesellschaft notwendigen Handlungsmuster besteht gerade in der Ausdehnung zweckrationaler Einstellungen. Damit bezieht sich Lukács methodisch auf Marx‘ Verständnis von Gesellschaft als eine sich selbst organisch verändernde Totalität.2 Nun ist Marx für sich genommen keine angemessene Letztbegründung. Eine Zurückweisung oder Einschränkung wie Honneth sie vornimmt, müsste jedoch hier ansetzen und nicht bei Lukács.

3.3.4 Die kontemplative Haltung
Die Konsequenzen dieser Angleichung für die Individuuen deutet Lukács im letzten Satz des eingangs erwähnten Zitates an, wenn er vom Verlust des Tätigkeitscharakters und der zunehmenden kontemplativen Haltung spricht. Lukacs nimmt hier Bezug auf sich im Rahmen fordistischer und tayloristischer Umstrukturierungen in der kapitalistischen Produktionsweise verändernde Arbeitsbedingungen.3 Rationalisierung und Mechanisierung werden von ihm als zentrale Elemente dieser veränderten Produktion genannt4, und damit einhergehend eine Veränderung der Tätigkeit des Arbeiters, der die individuelle/subjektive Seite des Produktionsprozesses stellt, selbst. Aus der Art dieser Veränderung diagnostiziert Lukács eine zunehmende Willenlosigkeit, die sich als Unterwerfung des Individuums unter gesellschaftlich vorgegebene Formen zeigt. Lukács beschreibt diese Haltung auch als eine kontemplative, d.h. anschauende bzw. betrachtende, Haltung. Zu beachten ist hierbei, dass der Begriff der Kontemplation in der Lukácschen Verwendung weder primär auf die sinnliche Ebene des Visuellen, noch auf eine körperliche Passivität abzielt. Gemeint ist vielmehr das Verhältnis von Individuum und Struktur.

Zur Verdeutlichung sei der Besuch eines Vergnügungsparks genannt: Der Besucher sitzt nicht körperlich inaktiv und allein aufs Sehen beschränkt herum, wie er dies im Kino täte: Vielmehr ist er von einem Ort zum nächsten unterwegs, alle seine Sinne werden, in Kombination oder Einzeln, angeregt. Er isst Zuckerwatte, geht ins bewegte 3D-Kino und fährt Achterbahn, während aufwühlende Musik gespielt wird, um sich anschließend bei einer ruhigen Schiffsfahrt im romantischen Tunnel wieder zu beruhigen. Zu Recht fällt der Besucher eines solchen Vergnügungspark Abends erschöpft ins Bett und es wäre absurd davon zu sprechen, er habe seinen Tag passiv verbracht.

Tatsächlich ist aber in jedem Moment vorgegeben, was er darf und was nicht, auf welche Art und Weise mit welchem Instrument welche Sinnesreize hervorgerufen werden, wie sich verhalten werden darf. Einen Einfluss auf die zu Grunde liegenden Verhaltensregeln hat der Besucher jedoch nicht. Ihnen gegenüber ist der Besucher passiv, er akzeptiert, was er vorfindet. Dieses kontemplative Verhalten taucht bei Debord als dominante Verhaltensweise der Individuuen in der Gesellschaft des Spektakels wieder auf : Es ist die des Zuschauers.5

 3.4 Spektakuläre Waren und zuschauende Individuen
Ziel dieses Kapitels war die Darstellung der Entwicklung der modernen kapitalistischen Gesellschaft zur Gesellschaft des Spektakels. Dafür wurde von der Debordschen Bestimmung des Spektakels als geschichtlicher Moment der völligen Beschlagnahme des Lebens durch die Ware ausgegangen.

En gros konnte der Grund dieser Beschlagnahme in der wirtschaftlichen Entwicklung und der zunehmenden Abhängigkeit anderer gesellschaftlicher Sphären von der Warenproduktion aufgezeigt werden. Debord benennt als Merkmal der Gesellschaft des Spektakels zudem einen durch die Automation ermöglichten Überfluss an Gütern und den Aufbau einer Konsumtionssphäre. Insofern nun die Arbeit in der Produktion von Waren besteht, die Freizeit hingegen im Konsum selbiger, kann aus Debords Sicht von einer völligen Beschlagnahme des Lebens gesprochen werden. Die Freizeit erweist sich nicht als Befreiung von der Arbeit: „Nichts von der in [ihr] gestohlenen Tätigkeit kann sich in der Unterwerfung unter ihr Ergebnis wiederfinden “ (27, 5). Die Erscheinungsformen der Gesellschaft sind selbst zu einem Produkt geworden: Die Gebrauchswerte bekommen eine Gebrauchswerterscheinung, die Städte werden nach Kriterien der Warenproduktion umstrukturiert. Der Warenverkehr ist in diesem Stadium so sehr herrschende Form des Stoffwechsels der Gesellschaft, dass er ihren Inhalt selbst verändert. Die Struktur der Waren verändert sich: Sie werden zu Spektakeln.

En détail ließ sich die Beschlagnahme des Lebens der Individuen zudem als ein Bündel verschiedener Entfremdungsprozesse beschreiben, die Lukács unter dem Begriff der Verdinglichung zusammenfasst und die sich für ihn notwendig aus der Warenproduktion und ihren Bedingungen ergeben. Vermittels der zur Warenproduktion notwendigen Arbeit entstehen der Warenstruktur entsprechende Bewusstseins- und Gegenstandsformen, die von den Individuen übernommen werden und sich eigensinnig auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen. Als innerhalb der Gesellschaft des Spektakels charakteristisches Verhalten kann hier als das wichtigste das kontemplative Verhalten des Zuschauers genannt werden. Diesem enstpricht die ob der Überflussproduktion stattfindenden Veränderung der Ware zum Spektakel, welche im folgenden Kapitel eingehender untersucht werden soll.

 

 

1Honneth (2005), S.21.

2Vgl. Kapitel 2.2 in dieser Arbeit.

3Zur historischen Veränderung der Arbeitsweise im Kapitalismus vgl. Altvater (2002).

4Damit schließt Lukács an und Sombart an. Vgl. etwa die Gegenüberstellung von traditionalistischem und rationalistischem Gestaltungsprinzip der Wirtschaft: Sombart (1969), S. 14f. Zur Anschlussfähigkeit Lukács an Weber vgl. Honneth (2005), S. 21.

5Es ließe sich hier an die medientheoretischen Untersuchungen Vilém Flussers anknüpfen. Er bezeichnet das Verhalten des Fernsehzuschauers als durch Einseitigkeit der Kommunikation und scheinbare Auswahl zwischen im wesentlichen gleichen Alternativen bestimmtes. Er weist darauf hin, dass dieses Verhalten zwar vom Medium unterstützt, aber nicht notwendig in ihm angelegt ist (vgl. Flusser (2002)). Für Debord ist es wichtig festzuhalten, dass die kontemplative Haltung lediglich im Konsumenten von Massenmedien ihren Ausdruck, nicht jedoch ihren Grund findet. Der Zuschauer ist Zuschauer ob seiner passiven Rolle, die ihm aus den wirtschaftlichen Grundlagen zukommt (vgl. GdS (200)).